Der Wendepunkt im Leben.

„Hattest du deinen Wendepunkt im Leben noch nicht?“ Nein, ich war nicht bei Mike Shiva. Trotzdem war mir sofort klar, dass etwas aus dem Ruder gelaufen war, als ich den Satz hörte. Er wurde mir auch nicht im Rahmen eines Selbstfindungtrips näher gebracht. Ich hatte mich ja nicht verloren, so dass ich mich nicht suchte. So ganz sicher war ich dann allerdings nicht mehr, als ich auf selbstgefundenen Selbstfindungstrip-Internetseiten gestöbert hatte. Ob ich mich nicht doch verloren habe. So unterwegs. Anyway.

Vorangegangen waren dem Satz so Aussagen wie: „Ich fühle mich verantwortungsfähiger. (Anmerkung der Schreibenden: Betonung auf -fähiger) Ich werde erwachsen, ist das nicht erstaunlich? (An dieser Stelle dachte mein Hirn so: Ja, wirklich erstaunlich… wieso merke ich das …. nicht?) Ich will auch nicht mehr gamen – hast du das je erlebt bei mir? (Öh, nein) Hast du nicht gemerkt, dass ich 40 Minuten Klarinette geübt habe, ohne dass du etwas sagen musstest? Ich bin an einem Wendepunkt in meinem Leben.“

Ja genau. Mein Teenager. Ist an einem Wendepunkt im Leben. (Heute, einen Tag nach dem Gespräch, überlegte ich mir kurz, ob ich ihm die Bravo kaufen soll. Aber als ich dann die Trash-Schlagzeile las „Was dich glücklich macht“ bin ich davor zurückgeschreckt… da werden also schon die Teens angefixt mit diesem Universumichwünschdannmalwas-Gedankengut, ichoptimiermichmalselbstendlos-dannklapptesdannmitdemNachbarnschon … ? Reicht es nicht, wenn wir uns den Schrott jahrelange reinziehn? – Bis wir dann merken, es gibt keinen Sinn im Leben ausser die Freude am Leben. Und die Liebe. Und s e x. Hahahaha, ich hab‘ das Wort wieder untergebracht… hach, wie kindisch…)

Nun denn. Jedenfalls musste ich meiner Verblüffung erst mal Raum geben. So dass er mir dann weiter erklärte: „Es gibt im Leben mehrere Wendepunkte. Ich weiss nicht, ob ich schon mal einen hatte, diesen hier spüre ich aber. (Während dieses Gesprächs macht er den Abwasch. Mach ich sonst. Heute er. Freiwillig. FREIWILLIG!!) Ein Wendepunkt ist z. B. auch wenn eine Freundin mit dir Schluss macht. Es ist ein Wendepunkt weil du dich verfickt fühlst.“ (Tut mir leid. Wir versuchen ihm Manieren beizubringen. Aber hin und wieder gelangen solche ordinären Ausdrücke nach Hause. Hatten wir doch auch. Geil oder? Geil, war so ein Wort. Noch heute überlege ich mir zwei Mal ob ich es verwende… „huere guet“ sollte ich zu Hause auch nicht sagen… und du, was war bei dir Wort non grata?)

Und irgendwann dann eben diese Frage an mich. „Hattest du deinen Wendepunkt im Leben noch nicht?“ Zack. Flashback. Und, „back to the future“. So einmal hin und her.

Ernsthaft erklärt er mir weiter: „Weisst du, was die Eltern sagen, ist den Kindern furzegal. (Daaaanke für diesen doch eher frustrierenden Einblick in die Kinderseele) Ausser bei einem Gameverbot. Dann mühen sich die Kinder ab. Aber krass ist, ich game nicht mehr gern. Es ist immer dasselbe: kämpfen, rumballern, verbessern, Gold ausgeben, Trank bekommen der alles schneller macht, Diamanten sammeln… Filme sind da gaaaaanz anders. Immer geht es um etwas anderes.“

Aha. Daher weht also der Wind. Ich übernehm‘ also mal kurz das Ruder wieder. – Wie? Daran kann ich mich beim beeeeeesten Willen nicht mehr erinnnern. Was ich aber noch weiss, ist die Aussage eines Fachmannes zum Vergleich des Suchtpotenzials zwischen Gamen und Fernsehen. Wer gewinnt und zwar haushoch ist – tatää tatää tatää, das Gamen. Ich gebe also – am frühen Abend dann – überglücklich die TV-Fernbedienung frei. Und könnte mich gleich kringeln vor lachen. Von wegen erwachsen…

… als ich diesen heulenden, sprechenden, angekleideten Waschbären gesehen habe und die Story mitgekriegt habe… da wusste ich, die Welt ist noch so wie sie war. Auch nach dem Wendepunkt. (Welcher Erwachsener kann sich so was angucken? Ausser vielleicht die Kinder in den Männern… ? Wer?)

Flash Gordon (das war mein wohl erster Science-Fiction-Film, ) fliegt den ersten Wendepunkt zum Samstagsplausch von Andrea Karminrot und zum Wochenglück von Fräulein Ordnung.

PS. 
„Hasi?“
„Jaaaaa?“
„Willst du nicht noch erzählen, was du diese Woche nach dem Actionfilm „96 Stunden“ gemacht hast, den du alleine mit dem Teenager geguckt hast… ?
„Meinst du den Teil des Abends, an dem ich ihn – nach dem Film in dem ein Geheimagent auf dem Weg zur Befreiung seiner gekidnappten Tochter gut und gern fünfzig Leichen hinterlassen hat – ins Bett geschickt habe, nur noch schnell Zähneputzen und ihm nachher „Gute Nacht“ sagen wollte, ich stattdessen alle Lichter im Haus gelöscht habe inklusive dann den Stecker seiner Nachttischlampe vom Gang her rausgezogen habe (gehört habe, wie er mehrmals den Schalter hin und her knipste) und schwer atmend – ja röchelnd – mit schweren Schritten und unheimlichen Geräuschen Richtung sein Bett gelaufen bin… ?“
„Genau den Teil, Hasi!“

Kurz angebunden: „Nö… hüstel… nö, will ich nicht“


4 Gedanken zu “Der Wendepunkt im Leben.

  1. Ich muss so grinsen 🙂 Wendepunkte…Gerade heute hat der Nachbarsjunge Geburtstag. 14 Jahre und er tut auch manchmal so erwachsen… um 5 Minuten später auf dem Gartentrampolin auszuflippen.
    Ich mag deinen Schreibstil sehr – so unterhaltsam
    Hab ein schönes Wochenende
    Lieben Gruß
    Ivonne

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