Und während die Welt…

… anderswo in Flammen und Rauch aufgeht, freue ich mich über die beiden neu renovierten Zimmer. Darf ich trotzdem?

Ja, ich gebe zu, ich habe keine Ahnung, dafür auch keine festgefahrene Meinung. Ich gehöre also immerhin nicht zu den Menschen, die beides haben: Keine Ahnung und trotzdem eine festgefahrene Meinung. Zeitung lese ich mangels Zeit in meinem „vollen Leben“ wenig. Das war auch schon anders. Habe ich deswegen geschlossene Augen? Und, ist es in Ordnung keine Meinung zu haben? Fragen, die ich woanders gelesen habe.

Und, betroffen das Verdikt gelesen habe: Ein Volk ohne Meinung, das sich hinter Gardinen versteckt und nichts sehen will. Ja, die heftigen Worte haben mich getroffen. Denn ich gehöre zu diesem Volk. – In mehreren Abenden am PC, in Zugfahrten am Handy, in Gesprächen versuche ich mich zu informieren, mir eine Bild zu machen, vielleicht eine Meinung zu bilden. Ich fange ganz vorne an: Mit der Geschichte, wie Israel entstanden ist.

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Das ist mein olivengrün 🙂

Einiges kommt mir bekannt vor, anderes glaube ich das erste Mal zu hören oder lesen. YouTube erklärt mir den Nahostkonflikt zunächst in vier Minuten. Ein Anfang. – Am Anfang hatten tatsächlich die Römer ihre Hände im Spiel. Denn die haben damals die Provinz Judäa mit der Provinz Syria zu Syria Palaestina vereinigt. Jetzt geht es sozusagen Schlag auf Schlag: Diaspora, Israeliten, Balfour Erklärung, Zionismus-Bewegung, Besiedlung, Kibbuz, Einwanderungswellen, UN-Teilungsplan, Ben Gurion, Sechs-Tage, Krieg, Marsch der Rückkehr, … … …

Tatsächlich komme ich immer tiefer in die Thematik, lerne die Neturei Karta kennen, eine ultraorthodoxe jüdische Gruppierung, die Seite an Seite mit Palästinensern gegen den Staat Israel und die Zionisten demonstrieren. (Was es nicht alles gibt!) Schier endlos schaue ich Vice News auf YouTube, gucke Mr. Wissen 2 go, lerne Begriffe wie Pallywood kennen, gucke die Analyse des amerikanischen Journalisten Richard Landes über die Berichterstattung der Hamas, die dann den westlichen Medien zur Verfügung gestellt wird. Sehe wie er von Nachrichtensendern übernommene Hamas-Videos als fake entlarvt. Bekomme ein Verständnis, was tatsächlich fake news bedeutet. Was stimmt eigentlich noch, was ich lese und höre und sehe?

Ich gucke die Rede von Nikki Haley (US- Botschafterin bei der UNO) an der 72. UNO-Generalversammlung: Klick. Lerne von neuem was Nakba bedeutet, weiss jetzt was eine Mikwe ist (ein Ritualbad, es ist besser wenn es mit Regenwasser vom Himmel gefüllt ist, zum Beispiel wird alles Neue eingetaucht um es koscher zu machen). Ich lese von Feuerdrachen, staune über schwarzen beissenden Rauch von brennenden Pneus, sehe Hakenkreuze hinter Rauchschwaden, schaue im Audiator Online vorbei, verbringe in einem Film die Pessach-Woche mit einer kleine jüdischen Gruppe in Deutschland. Lerne, was Pessach überhaupt ist. Ein junger Rabbi mit gutem Humor beantwortet die Fragen des Journalisten. Eine Aussage des Rabbi bleibt mir speziell in Erinnerung: “ … aber auch das gehört dazu, dass man aufpasst, ob man gerade manipuliert wird oder nicht“.

Werde ich durch die Nachrichten manipuliert? Von wem genau? Ich lese Online Artikel und ihre endlosen Kommentarlisten. Was ich sonst nie mache (Kommentare lesen). Was für ein Hass, was für hässliche Aussagen, was für verhärtete Positionen. Ich beginne zu begreifen. Die flammenden Worte zu „festgefahrener Meinung“. Und ich beginne zu begreifen, wie u-n-g-e-h-e-u-e-r-l-i-c-h der Antisemitismus da draussen noch präsent ist. Viele, wirklich viele Kommentare sind nicht einfach nur grässlich, sondern stellen Strafbestände dar. Ein Beispiel? Unter einem Beitrag von Mr. Wissen 2 Go stand da: „Da in den Kommentaren unter diesem Video in großem Ausmaß Straftaten im Sinne des § 130 StGB (Volksverhetzung) begangen wurden, sehe ich mich leider dazu gezwungen, die Kommentarfunktion für dieses Video bis auf Weiteres zu deaktivieren.“

Irgendwann stolpere ich über einen YouTube-Beitrag, der nichts aber auch gar nichts mit Israel oder Palästina zu tun hat, aus dem ich folgende Worte mitnehme:

If you don’t read the newspaper, you’re uninformed.
If you do read it, you’re misinformed.

(Das Video selbst ist übrigens sehenswert: This Will Leave You Speechless! – One of The Most Eye Opening Videos.)

Ich begreife die flammenden Worte, die ich „woanders“ gelesen habe. Ich glaube, darin Gefühle zu erkennen wie Verzweiflung, Ängste einer Mutter, sich nicht verstanden fühlen, vielleicht auch Resignation ob der sich unveränderten Lage… ? Und jetzt? Habe ich eine Meinung? Ja, eine auf wackeligen Füssen – denn, was genau war Manipulation in der Berichterstattung und was nicht… ? Ich bin nicht mal sicher, ob es für meine Meinung eine Rolle spielt.

Um auf meine Eingangsfrage zurück zu kommen: Ja, ich darf. Ich darf mich freuen.

Über 1000 Jahre Geschichte geht in kurzen Worten zum Samstagsplausch von Andrea Karminrot und zum Wochenglück von Fräulein Ordnung.


6 Gedanken zu “Und während die Welt…

  1. Guten morgen du Liebe,
    So schwere Kost am frühen Samstagmorgen, ich finde es aber schön dass du über deine Erlebnisse schreibst. Schön dich bei Andreas Samstagsplausch entdeckt zu haben.
    Ein schönes Wochenende wünsche ich dir. 🙂

    Liebe Grüße aus Heidelberg,
    Annette

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  2. Guten Morgen,
    ich gestehe, dass ich bereits vor einigen Jahren aufgehört habe, mir die Nachrichten anzuschauen. Ich lese die Tageszeitung in dem Teil, der mich dienstlich betrifft und alles andere wird ignoriert. Letzten Endes bin ich der Ansicht, dass mit der Berichterstattung immer nur die Angst der Menschen geschürt werden soll. Sicher passieren schlimme Dinge in unserem Land, auf unserem Kontinent, in der ganzen Welt. Aber, es passieren auch jeden Tag viele wundervolle Dinge und über die wird nicht berichtet. Ich habe festgestellt, dass mir nichts fehlt, seit ich mich nicht mehr um die Nachrichten kümmere. Die wirklich wichtigen Dinge bekommt man mit, da darüber geredet wird. Alles andere ist eh morgen schon wieder unwichtig.

    Ich weiß, dass ich sehr priviligiert bin, dass ich in einem Land lebe, dass überwiegend sicher ist, dass ich hier, um Gegensatz zu vielen anderen Menschen auf der Welt, im Luxus lebe. Aber, ich habe nur dieses eine Leben und das werde ich genießen, werde es leben, so gut ich kann. Ich bin inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass es nichts an den großen Problemen dieser Welt ändert, wenn ich weiter in Angst lebe vor dem, was kommen könnte und damit mein Leben nicht mehr genießen kann. Und ich persönlich kann das nur, wenn ich mich mit den Dingen nicht zu tief auseinandersetze. Das mag der eine oder andere ignorant finden. Ist es sicher auch ein Stück weit. Aber, es ist mein Leben und ich entscheide, wie ich es lebe.

    Ich finde auf jeden Fall, dass man sich über die schönen Dinge, die einem im Leben widerfahren freuen darf, auch wenn es anderen schlechter geht, als uns hier.
    Hab ein schönes Wochenende
    LG
    Yvonne

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  3. Du hast Yaels Post gelesen? Da wurden mir meine Bildungslücken auch klar…Ich tue was ich kann. Aber wenn ich dann mit Wut & Gemeinheit überzogen werde wie diese Woche per anonymen Brief… Wir brauchen euch intelligente Schweizerinnen aber auch, bevor Banon schafft, was er wohl vorhat…
    GLG
    Astrid

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    1. Ja, Yaels Post. Tatsächlich habe ich da viele Wissenslücken… obwohl mich Geschichte sehr interessiert. Irgendwie passt einfach nicht immer alles in einen bestimmten Lebensabschnitt. – Unsäglich was sich Menschen anonym erlauben. Und mittlerweile auch mit Personalien. Kommentare werden offenbar massenhaft auch durch „Bots“ hinterlassen und so werden (natürlich!) vor allem radikale Ansichten verbreitet. Eine interessante Kolumne zum Thema Kommentare habe ich bei der Raumfee (Twitter) verlinkt gesehen: https://www.stern.de/kultur/micky-beisenherz/micky-beisenherz–warum-ich-facebook-kaum-noch-ertragen-kann-7556982.html?utm_campaign=artikel-sticky&utm_medium=share&utm_source=facebook
      Ich wünsche dir einen schönen Sonntagabend, herzlich, Sibylle

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