Millimeter-Glück.

Und während ich letzte Woche so in diesem Arztzimmer sass und auf das Verdikt wartete, das in meinen Augen wohl nur bedeuten konnte, dass ich in wenigen Minuten meine zweite Autoimmunerkrankung einsacke*, steht da dieser Spruchkalender. Warum ich auf das Unglück wartete und nicht auf das Glück, hatte dann auch damit zu tun, dass es da so eine enge Verwandtschaft zwischen einiger solcher Krankheiten gibt, meine Symptome da bestens rein passten und somit irgendwie naheliegend waren.

Ich starrte also auf diesen Spruchkalender und fragte mich, ob ich das viele Glück auch nicht beachte. Ob ich mir tatsächlich die „Unglücksfälle“ (also wohl eher „das Schlechte“ im Leben) einpräge und in Erinnerung behalte. Beim oben vermeintlich durchschimmernden Pessimismus, der für mich da in diesem Moment eher Realismus war, könnte man nun denken, dass es bei mir genau so ist.

Da ich recht viel Zeit mit diesem Spruchkalender und mir verbrachte (und ihn darum auch fotografierte), kann ich also jetzt mit Gewissheit schreiben, dass ich das Glück – also das Schöne – speichere. Das viele Glück.

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An diesem Tag fand mich dann ein Millimeter-Glück. Meine Befürchtung war umsonst gewesen (so ein Glück schon wieder!). Es gibt da so im Millimeter-Bereich was, das hinter meiner Kniescheibe rum schwimmt, wo nix schwimmen sollte (hey, ich bin doch kein Pool!!). Was so ein paar Millimeter alles auslösen können! Bei mir auch Glück.

* So despektierlich von „einsacken“ zu schreiben, dürfen nur die, die betroffen sind. Das ist in etwa so, wie bei Komikern. Da gibt es ähnliche Grenzen. Im Gegensatz wohl zur Satire.

Ganz ehrlich? Ich habe hin und her überlegt, ob ich diesen Beitrag veröffentlichen soll. Wie viel Offenheit verträgt ein Blog? Soll „man“ über „nicht so Schönes“ oder Krankheit oder Sorgen schreiben? Auch wenn es nicht sooooo tief ins Detail geht, aber doch durchschimmern lässt, dass da was ist. Lässt einem die virtuelle Welt nicht glauben, bei den anderen sei alles immer so was von ideal, cool, trendy, sexy, interessant, abwechslungsreich… und was auch immer noch. Und während ich noch so überlege, klicke ich einfach mal „Veröffentlichen“. Wer nicht lesen mag, hat vor diesem Absatz das x gedrückt. Und es gibt ja auch noch eine Löschtaste.

Ach übrigens: Wenn du diesen Beitrag gelesen hast, muss ich dir einfach auch mal ein Kompliment machen! Ich habe letzte Woche gelernt, dass ein Satz unter anderem aus nur 8 – 16 Worten bestehen sollte. Ein Haupt- und ein Nebensatz. Je länger ein Satz ist und womöglich noch Klammern beinhaltet, umso grösser ist die Zahl derer die den Text nicht fertig lesen. Bei meinen Mammutsätzen dran zu bleiben (und auch noch die Klammern zu lesen) ist also nicht selbstverständlich… . Danke.

Verlinkt bei der Sunday Inspiration und dem #sonntagsglück.


6 Gedanken zu “Millimeter-Glück.

  1. Ich mag deine Schreibe. Auch deine „Bandwurmsätze“.
    In der heutigen Zeit, wo 5000 Worte den Wortschatz eines Druchschnittserwachsenen ausmachen, müsste man sich einfach ausdrücken, um verstanden zu werden. Genau deshalb liebe ich Blogs, Texte, Gespräche, Menschen, die mit der Sprache umgehen können.
    Und locker flockig tiefsinniges und Tatsachen so verpacken, dass man sich gut unterhält und nachdenklich über sich, sein Leben und seine „Gesundheit“ sinniert….
    Merci
    Herzlichst
    yase

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    1. Heute sollten sich Leute, die beruflich Texte (für Kunden) schreiben, an das Leseverständnis von 12-jährigen richten – das die Quintessenz eines kurzen beruflichen Refreshers. Ja, ich mag Sprache auch sehr. Und – danke für dein Kompliment 😊. Liebe Grüsse, Sibylle

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  2. …so lange Sätze kann ich gut lesen, schreibe ich doch selber gerne solche…und dann so unterhaltsam Nachdenkliches verpackt, da bleibe ich dran…und wünsche nu alles Gute für das hinter der Scheibe, möge es doch weg schwimmen, dahin, wo es keinen Ärger machen kann,

    liebe Grüße Birgitt

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  3. Oh ja, bedeutet bloggen, dass man Welten schafft, die es so gar nicht gibt? Dann sollte man zu Instagram gehen, wo alle Bilder diese Filter übergedeut bekommen.
    Wenn ich solche Blogs lese, bekomme ich irgendwann ein Gefühl, für das ich nur ein englisches Wort habe: nausea. Manchmal klicke ich sie noch an. Aber wenn ich die ersten Bilder schon sehe, kommt Langeweile auf, und ich klicke weg.
    Ich schätze Wahrhaftigkeit an den Blogs, die ich lese. Man muss nicht alle Kümmernisse en detail ausbreiten, vor allem, wenn es nur Personen im eigenen Kreis, nicht um einen selbst geht. Da muss die Privatsphäre gewahrt werden. Aber über mich selbst habe ich selbst zu entscheiden…
    Übrigens ist da was dran, dass man das Unglück besser im Gedächtnis bewahrt als das Glück. Aber das sagt nichts aus, wie intensiv man es empfindet, in dem Moment, wo es da ist.
    Eine gute neue Woche!
    Astrid

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    1. Ja, ich denke, es gibt so einen Optimierungswahnsinn, der über soziale Medien daherkommt, und dem sich nicht alle Menschen entziehen können und leider nur ihre Unzulänglichkeiten sehen. Und statt aufzuhören solchen Bloggern oder Influencern zu folgen, wird „hart an sich gearbeitet“. Manchmal bin ich schon sehr froh, in einer anderen Zeit jung gewesen zu sein… Liebe Grüsse, Sibylle
      PS. Einen DOK zum Thema „Bloggen“ (allerdings Foodbloggen) hat das Schweizer Fernsehen im Januar 2018 ausgestrahlt: https://www.srf.ch/sendungen/dok/ernaehrungswahn-zwischen-gesundheit-und-obsession

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