Bewegt. [Und, heimlich fotografiert]

Die Wochenblicke gefallen mir. Ich merke allerdings, dass ich schreiben muss, was mich bewegt. Das ist nicht immer Glück.

Es ist Samstag und ich sitze zu Tisch. An meinem rechten Handgelenk trage ich ein blaues Band. So wie in einem „all-inclusive“ Hotel. Auch der Mann und das Kind tragen ein blaues Band. Wir sind zu einem Brunch zusammen gekommen. Eine Frau am Nebentisch ruft um 09:10 Uhr, „Gopferdeckel, ich habe Hunger, um 9 hätte es starten müssen, müsst nicht immer lügen“. – Der Kaffee kommt. Die Frau mir gegenüber löffelt ihn mit einem Kaffeelöffel.

Der Vater des Mannes fragt „ob wir lange gefahren sind, sicher über eine Stunde“. Wir sind mit dem Fahrrad hier, gute 10 Minuten Fahrt aus der Nachbargemeinde. Dann „Heizt das blaue Band?“ Er meint unsere papiernen schwer zerreissbaren blauen Bänder. – Ein Glas mit Apfelschorle geht in Zeitlupe zum Mund, ein Strohhalm hilft beim Trinken. – Stille – Die Frau mir gegenüber fängt an „Lustig ist das Zigeunerleben“ zu singen. Sie trägt kein blaues Band, ihr Ehemann schon. Er stimmt ein und zusammen singen sie das Lied zu Ende. – „Ihr fahrt jetzt dann nach Kitzbühl, oder?“ (Wir sind im Schweizer Mittelland zu Hause und die Frage kommt, als ob wir eine halbe Stunde von Kitzbühl entfernt sind).

Am „Muttertags“-Brunch im Altersheim gibt es Prosecco – ausnahmsweise. Der Vater des Mannes wünscht sich ein Glas. Prosecco durch Strohhalm, der Mund öffnet sich zeitlich weit vorher, alles schein Zeitlupe zu sein, bloss nichts sagen, sonst unterbrechen wir diesen sowieso schon verlangsamten Ablauf. Die Frau mir gegenüber versucht immer wieder die Zucker und Assugrin Portionen einzustecken – wahrscheinlich eine alte Geste, die ich von viel viel früher noch kenne (von meinen Grosseltern?). Geduldig wird sie von ihrem Ehemann und dem Pflegepersonal gebeten, die Zucker zurück zu tun. Nach dem Brunch wird sie in einem unbeobachteten Moment zwei Portionen Kaffeerahm öffnen und geschwind austrinken.

Wir gehen aufs Zimmer des Vaters. Es sind noch Bilder aufzuhängen, um es wohnlicher zu gestalten. Noch nicht lange ist er hier. Die Pflegebedürftigkeit wurde (deutlich) zu gross. Nicht mehr bewältigbar zu Hause. Ich bin das erste Mal hier, das Zimmer ist schön gross und hell. Ich sage es. – „Hier bleibe ich dann nicht ewig“. Der Satz hängt im Raum. Und gewinnt Raum. Was sollen wir sagen? Wir schweigen. Dann meint er, dass er im Spital ist. Wir korrigieren, du bist im Altersheim. Hätten wir wirklich sollen? – „Ja, abgeschoben halt.“ – Stille. – Beklommenheit.

Ich war in diesen Stunden einige Male ganz nah an den Tränen. Zu Hause dann kamen sie raus. Es ist traurig. Es tut weh.

Darum: Lebe glücklich, lebe froh. Solange es geht.

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Am Ende des Regenbogens liegt ein Schatz. Muttertagsregenbogen.

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Auf Feierabendspaziergang.

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Stell dir vor, es ist „rush hour“ und keiner geht hin. Unvorstellbar? Ja, genau. In den Stosszeiten sind die Züge voll. Jeder Sitzplatz wird gebraucht – von Menschen oder Taschen. An einem Tag dieser Woche sassen in einem Viererabteil zwei Menschen. Und zwei Taschen. Und – ein Hund. „Ist hier noch frei?“, frage ich mehr rhetorisch (nahm ich an). Die Hundehalterin meint, nein, sonst werde ihr Hund getreten. Und, schliesslich zahle ihr Hund auch ein halbes Ticket. – Oouuuukkaaaay… (!). (Ich fahre ja gratis, hahaha) Sie ist säuerlich, eindeutig. Gar nicht gut drauf.

Freundlich sage ich ihr, dass gegenüber vom Hund sicher noch jemand Platz findet. Ich setze mich (darf mich setzen…), Sekunden später spüre ich das Hündchen auf meinen Füssen. Mein Humor geht mit mir durch… „… eigentlich tritt der Hund ja mich… “ sage ich lächelnd. Säuerlich ist säuerlich und lässt sich nur mit Freundlichkeit überzeugen. Das Hündchen braucht meinen Fuss als Kopfkissen und ich kann es mir einfach nicht verkneifen und fotografiere diese „herrliche“ Szene heimlich! Und zu guter Letzt hat auch die säuerliche Frau gemerkt, dass „die Welt“ nicht nur unfreundlich ist. (Man beachte die beiden Taschen, die tatsächlich die ganze Fahrt dort blieben.)

Darum: Lebe glücklich, lebe froh. „Die Welt“ ist nicht dein Feind.

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Im kleinen Garten summt und surrt es. Wer (englischen) Rasen hat, weiss gar nicht, um wie vielen Flügeltierchen er sich bringt.

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In dieser Steinwand wächst Moos, Hauswurz und vor allem Klatschmohn. Sobald er blüht, ist die Wand voller knallroter Blüten.

Die Himbeeren gedeihen prächtig. Vor einem Monat waren hier die Primeln am Blühen und keine Spur des Austriebs der Himbeeren zu sehen.

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Keine Tautropfen auf dem Dill. Nicht wirklich motivierend zu essen. Diese hier überlasse ich den Schnecken. Die anderen habe ich ausgegraben und in Töpfe gesetzt.

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Der grosse Rosmarin blüht ausdauernd. Und ist wahnsinnig umschwärmt.

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Die Himmel sende ich zur Raumfee (falls es passt), meine Woche zum Samstagsplausch von Andrea Karminrot und zum Wochenglück von Fräulein Ordnung. Die Gartenbilder zur Gartenglück Linkparty von Ein Fachwerkhaus im Grünen.

 


22 Gedanken zu “Bewegt. [Und, heimlich fotografiert]

  1. Entschuldige, ich musste auch ein paar Tränen verdrücken. Ich saß wohl ebenfalls mit einem blauen Bändchen mit am Tisch.
    Die Zuggeschichte hat mir ebenso gefallen. Du schreibst so sehr mit Herz .
    Liebe Grüße
    Andrea

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  2. Dein Anfang hier… Gerade in dieser Woche! Nach den weiteren Zeilen konnte ich mich wieder fangen, jetzt blüht uns das nur noch uns selber, dem Herrn K. und mir, nachdem in den vergangenen zwei Jahren unsere Eltern alle gestorben sind und der Schwager dazu. In dieser Woche: Gedenktage.
    Nein, die Welt ist nicht mein Feind ( manche Menschen schon ). Das habe ich mir in dieser Woche immer wieder vor Augen geführt. Und die Bienen sumseln heute auch bei mir im Blog.
    Alles Liebe!
    Astrid

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    1. Alles Liebe zurück Astrid. Gedenktage sind „liebevolles Erinnern“ und je frischer umso schmerzhafter sind sie. Ich bin sehr sehr dankbar über meine letztes Gespräch mit meinem Vater, damals wenige Tage bevor er gestorben ist. Ganz ganz oft habe ich daran zurück gedacht. Immer auch wieder an solchen Gedenktagen. Herzlichst, Sibylle

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      1. Es ist also noch nicht so lange her? – Meine Mutter ist vor ein Dreivierteljahr gestorben, elf Wochen nachdem wir sie in ein Heim im Rheinland geholt haben, wo wir, all ihre Kinder, leben. Sie hat kaum etwas mitgebracht aus dem Heim, wo sie vorher gelebt hat, davon ein paar Wochen mit meinem demenzkranken Vater vor dessen Tod.. Es ist wohl so, dass ein alter Mensch in der Heimsituation seinen Lebenswillen aufgibt.
        Das Gegenbeispiel haben wir bei meiner Schwiegermutter erlebt, die über acht Jahre mit einem befreundeten Männerpaar in ihrem Haus in Wohngemeinschaft gelebt hat ( auch mit Demenz ) und kurz vor ihrem 103. Geburtstag verstorben ist. Das war ein ungeheurer Glücksfall für sie, für uns. Einer der Männer hat auch meinen Schwager an seinen letzten Tagen begleitet. Manchmal bin ich ganz niedergeschlagen, dass nicht jeder solche Privilegien hat.
        Dir alles Gute! Ich komme gerne bei dir vorbei….
        Herzlichst
        Astrid

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      2. Mein Vater ist vor fünf Jahren verstorben, nach langer (mehrjähriger) schwerer Krebskrankheit, die ihm die Energie und Lebensfreude geraubt hat. Zusammen mit meiner Mutter waren wir bei ihm, als er aufgehört hat zu atmen. Das hat mich sehr sehr beschäftigt und gut ein Jahr habe ich fast täglich dieses Bild vor Augen gehabt, im ruhigsten Moment des Tages, am Abend im Bett. Wenige Tage vorher hatten wir einen sehr schönen Dialog, ich habe ihn danach nicht mehr wach gesehen. Die Zeit heilt wirklich Wunden, es war so. Die Gedenktage bleiben. Jetzt meinen Schwiegervater so im Altersheim zu sehen, zu spüren, dass es da auch „lichte“ Momente gibt und was er dann sagt, finde ich sehr schwer und traurig. Vor allem für den Mann. Liebe Grüsse, Sibylle

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  3. Deine Geschichten sind sehr berührend. Vor allem die erste. Irgendwann werd wohl auch ich die Entscheidung für meine Eltern treffen müssen. Ich hoffe, dass es noch ein einige Zeit dauert. Vor dem schlechtem Gewissen dürfen wir uns aber nicht beeinflussen lassen. Manchmal geht es einfach nicht anders…
    lg Gabriele ☼

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  4. Danke für den sehr nachdenklichen Plausch. Auch ich musste mir einige Tränen verkneifen. Es ist nie so wie es scheint. Und einfach erst Recht nicht. Dir ein schönes erholsames Wochenende. Herzlichen Gruß Sylvia

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  5. Beim Lesen deiner Geschichte wurde die Heimfeiern mit meiner Mutter wieder lebendig in mir. Irgendjemand sagte mal zu mir, jetzt, da sie im Heim sei, werde es ja einfacher für mich. Ich kann das nicht bestätigen.
    Danke an dich auch für die lichtblickende Hundchen-Geschichte samt Foto, wunderbar!
    Ich lese immer wieder gern bei dir. Und frage mich jetzt tatsächlich, warum ich mich vorhin noch geärgert habe, weil die Wiese so gewachsen ist in den vier Wochen meiner Abwesenheit. Das Gesumse freut sich!
    Danke, liebe Grüße,
    Hummel

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  6. Die Schilderung im Altersheim ist doch sehr bedrückend, kein Ort von dem ich träume. Ich kann aber gut nachvollziehen, dass es manchmal nicht anders geht.
    Der Hund im Zug ist wirklich süß und ich kann verstehen, dass das Frauchen sich um ihn sorgte.
    Die Bilder aus dem Garten gefallen mir sehr gut.
    Du kannst mit Deinem Text sehr gut Stimmungen ausdrücken, der Stil gefällt mir sehr gut.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

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  7. Ach ja, das kenne ich. Es ist so schwer, die richtige Lösung zu finden. Ich schleppe da ganz schlimme Geschichten mit mir herum. Manchmal möchte man helfen, aber die Hilfe wird nicht zugelassen. Die Zuggeschichte gehört in die Kategorie Humor und das gefällt mir besonders. Also freue ich mich auf den nächsten Beitrag.
    LG
    Magdalena

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  8. Guten Morgen! Abgeschoben? Das kommt auf den Blickwinkel an. Irgendwann kommt (auch für uns) der letzte Lebensabschnitt. Ausser jemand stirbt jung oder plötzlich, werden alle Menschen am Schluss des Lebens pflegebedürftig, in irgendeiner Form auf Hilfe angewiesen sein.

    Abgeschoben fühlt sich nur, wer dazu nicht ja sagen kann und nicht frühzeitig und realistisch plant, wie und wo er oder sie diesen Abschnitt leben möchte. Und dabei haben auch Kinder ein Mitspracherecht. Pflegebedürftig sein bedeutet, Hilfe annehmen, zugeben, dass man selber nicht mehr in der Lage ist, sich selber zu versorgen. Wir „Jungen“ können uns heute schon üben darin. Loslassen, auch die Eltern. Alles Gute wünsche ich dir!

    „On the level of form, there is birth and death, creation and destruction, growth and dissolution, of seemingly separate forms. This is reflected everywhere; in the life cycle of a star or a planet, a physical body, a tree, a flower; in the rise and fall of nations, political systems, civilisations; and in the inevitable cycles of gain and loss in the life of an individual.
    There are cycles of success, when things come to you and you thrive, and cycles of failure, when they wither or disintegrate and you have to let them go in order to make room for new things to arise or for transformation to happen. If you cling and resist at that point, it means you are refusing to go with the flow of life, and you will suffer.“
    Eckhart Tolle – The Power of Now (p152)

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  9. Liebe Sibylle,
    ich bin heute zum ersten mal hier auf Deinem Blog, und ich muss sagen, es beeindruckt mich sehr und Wärme mit der Du hier geschrieben hast, gefällt mir ausgesprochen gut.
    Ich kann es soooo gut nachempfinden – das Altenheim – die Zugfahrt – und die schön blühende Wiese…
    Ich teile Deine Gedanken.
    Zum Altenheim soviel – ich bin jede Woche ehrenamtlich in einem solchen Heim, und dort gärtnern wir dann zusammen oder machen etwas anderes (wenn in unseren Beeten und Töpfen nichts oder nur wenig zu tun ist…) meist mit Dingen aus der Natur. Wir singen auch gemeinsam oder überlegen, oft anhand von den Gerüchen der Kräuter was die einzelnen Bewohner früher damit gemacht haben…Da werden selbst bei den hochgradig dementen Menschen so viele Erinnerungen wach…meist wunderschöne…darin „schwelgen“ wir dann gemeinsam…
    Vielleicht wäre das auch ein Weg für Euch…
    Alles Liebe
    Heidi

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