Boxenstopp. Und: Depressionen.

Bei mir blühen immer noch die Ranunkeln von letzter Woche. Sie sind mir so ans Herz gewachsen, dass sie nicht Platz machen müssen für neue Blumen, ausnahmsweise. Also, kurzer Boxenstopp und statt Reifen- gibt’s einen Vasenwechsel. Heute also, Ranunkeln zum zweiten.

Zaghaft öffnen sie jeden Tag ein bisschen mehr ihre Blütenblätter. Ich habe die Kraft von Blumen mitten im Winter – draussen weisser Schnee, bissige Winde, eisige Kälte – unterschätzt! Die Lebenskraft, die sie ausstrahlen überrascht und erfreut mich. Aber nicht nur Blumen im Winter habe ich unterschätzt.

Ranunkel

«Sei frech, wild und wunderbar.» [Astrid Lindgren].

Wow, das hat eine Frau mit Jahrgang 1907 gesagt. Irgendwo in der Pampa aufm Hof Näs in Södra Vi (Södra was?!) zur Welt gekommen. Oh, wie ich Pippi liebte (erwachsen geworden und mit dem Kind guckend, bekam die Sendung natürlich sofort das Etikett „viiieeeel zu frech!“, geht ja gaaaar nicht… ne‘ keine Vorbildfunktion…) und Michel erst (die besoffenen Säue, sein Kopf in der Suppenschüssel, seine Schnitzereien, seine Streiche, ich war hin und weg als Kind…), Madita, … all die wundervollen Geschichten… ist ja krass lange her.

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Aber darum geht’s gar nicht. Was, wenn Pippi Depressionen gehabt hätte? Wäre sie in unseren Augen immer noch die starke, mutige, furchtlose Pippi? Würden wir ihre Verrücktheiten, ihre liebenswürdig freche Art, ihre Dreistigkeit immer noch mit denselben „gütigen“ Augen betrachten? Ich verwette mein Hexenpulver, dass „wir“ Pippi ganz anders werten würden. Dauernd auf Anzeichen einer herannahenden „Episode“ beobachtend… .

Und was, wenn „frech, wild und wunderbar“ zutrifft, aber eben zeitweise auch, „mutlos, schlaflos und antriebslos“… ?

Und, – ich dachte tatsächlich laaaange laaange Zeit, dass am Songtext was dran ist… „über sieben Brücken musst du gehn, sieben duuunkle Jahre überstehn, siebenmal wirst du die Asche sein, aaber einmal auch der heee-eee-llll-eee Stern“. Dass eben alles mal vorüber geht. Dass nichts wirklich so schlimm sein kann, um sein eigenes Leben zu beenden.

Seit ich das Buch „Minusgefühle“ von Jana Seelig gelesen habe, weiss ich, dass ich total auf dem Holzweg war! Depressionen können Urteilsfähigkeit bzw. den Lebenswillen komplett untergraben. Es geht nicht um Vernunft. Oder das Denken, dass jede schlimme Situation irgendwann vorbei geht. Keine Reflektion ist mehr möglich.

Das führt in der Schweiz dazu, dass pro Tag zwei bis drei Menschen durch Suizid sterben. Und jeden Tag werden zusätzlich 20 bis 30 Personen nach einem Suizidversuch ärztlich behandelt. Die Dunkelziffer ist hoch. Suizid ist im jungen Alter (15 – 44 Jahre) und im mittleren Alter (45 – 64) die dritthäufigste Todesursache der Schweiz. Das lässt mich verstummen.

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Studien zeigen, dass ein Drittel bis die Hälfte der psychisch kranken Menschen in industrialisierten Ländern unbehandelt bleiben (!!). Dabei wäre genau die richtige Behandlung so unglaublich wichtig!

Die Autorin gibt tiefen Einblick in ihr Leben und damit auch in ihre Erkrankung. Es hat mir eine eindrückliche Vorstellung davon gegeben, wie sich ein Leben mit Depressionen, natürlich aus der persönlichen Perspektive der Autorin, gestaltet. Die Sprache von Jana Seelig ist streckenweise ziemlich heftig und derb, so ist im Klappenteil auch eine entsprechende „Warnung“ enthalten. Es ist die sprachlich zum Ausdruck gebrachte Authentizität von Jana Seelig.

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Da ich grad‘ keinen Feenstaub zur Hand habe, hier noch schnell ein Wunsch ans Universum: Falls ich (der Mann, das Kind, Familie/Freunde) irgendwann zur Statistik der psychisch Erkrankten gehören: „Mut haben und adäquate Hilfe suchen!“ (Ja, ein Psychiater)

Beim komplexen Beinbruch ist schliesslich auch der Orthopäde meine Adresse und nicht die „Schneeglöckchen-Tinktur“.

PS. Natürlich durfte das Kind Pippi gucken. Wie könnt‘ ich auch…

PPS. Habe gerade einen ernsthaften Nostalgie-Anfall, weil im Hintergrund auf YouTube Peter Maffay läuft. Und ja, auch das ist krass lang her.

PPPS. GRUMPH! Beim Wechsel von Peter Maffay auf Nino de Angelo stellten sich mir dann allerdings alle Haare zu Berge…

PPPPS. Ach ja, GRUMPH kommt aus der Comicsprache, die ich aktuell intensiv lerne – HA, HAA, HAAH, HA-HA!

Verlinkt bei Holunderbluetchen.


8 Gedanken zu “Boxenstopp. Und: Depressionen.

  1. Deine Ranukel gefällt mir sehr gut und es passt alles zusammen.

    Einen Suizid habe ich letzte Woche hautnah mitbekommen, wenn du magst komm morgen bei mir vorbei.

    Es kommt so langsam bei mir alles zum Vorschein und ich komme nicht drüber weg.

    Man sieht es immer und immer wieder vor sich. Aber das Leben geht weiter.

    Mit lieben Grüßen Eva

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  2. Eine wunderbare Farbe haben deine Ranunkeln, wunderschön sehen sie aus!
    Ach, die Pippi darf keinem Kind verboten werden, sie ist einfach herrlich, unvergleichlich, wunderbar.
    Und ab und zu in die Vergangenheit reisen ist eine feine Sache, finde ich .
    Depressionen sind eine garstige Krankheit, die dich dein Leben lang nicht mehr verlässt – wir sollten die Depressiven auch nicht verlassen, sondern einfach da sein. Das reicht oft schon für ein besseres Lebensgefühl.

    Hab einen schönen Tag!

    Frauke

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  3. Ein wirklich interessant geschriebener Post von der Blume über Pippi hin zur Depression und Selbstmord. Das ist fast wie ein Gefühlsfarbverlauf von hell über bunt nach dunkel. Dieser Verlauf ist dir super gelungen und ich konnte mich in allen Stufen wiederfinden. A. Lindgren hat mich auch in der Jugend lange begleitet, erst vor Tagen haben wir nochmals einen Michel angeschaut. Depressionen haben mich in meinem Leben leider schon etwas länger begleitet, als es die quirrlige Pippi konnte, aber ich finde zum Glück immer wieder Hilfe und finde wieder zurück ins hellere Leben. Schön finde ich es, wenn das Thema zur Sprache kommt, denn es sind wirklich viel zu viele, die sich wegen dieser Krankheit das Leben nehmen und ich weiss sehr gut, dass es einfach passieren kann, wenn man nicht in richtiger Behandlung ist. Der Tod ist hoffentlich noch weit in der Ferne – das wünsche ich allen jedenfalls. Ich grüße ganz herzlich aus dem Blog nebenan. LG Marion

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  4. Ranunkeln. Lieblingsblumen. Depression. Wieviele Freunde und Freundinnen hab ich in den letzten Jahren in Depressionen rutschen sehen. Zu viele. Die eine oder der andre nimmt heute noch Psychopharmaka, ist am Tag nur wenige Stunden wirklich einsatzfähig, berufsunfähig, verrentet, krank, „machen Sie sich keine Hoffnungen, die Tabletten absetzen zu können“, sagt der Arzt zu meiner Freundin „Sie werden sie bis an ihr Lebensende nehmen.“ Wieviele habe ich kennengelernt, als mich burnout und Depression in eine psychosomatische Reha brachten. Zu viele. Und die Dunkelziffer, ja, die ist auch deswegen hoch, weil die Menschen den Gang zum Fachmensch scheuen und wenn sie gehen, sie dann doch 3 – 4 Monate Wartezeit haben, wenn nicht wer laut schreit Suizidgefahr. Bloß, wer suizidal ist, schreit in der Regel nicht laut. Danke für Deinen Post. Alles Gute. Eva

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